Hassrede im Netz – was kann ich tun?

Hate Speech im Internet ist allgegenwärtig und richtet Schaden an: Gespräche werden vergiftet, Vorurteile geschürt, Gewalt vorbereitet, die Gesellschaft gespaltet. Was kann man tun?

Wenn wir im Rahmen unserer Arbeit über Hass im Netz sprechen, begegnen wir vielen Menschen, die dem Problem täglich ausgesetzt sind. Damit geht jeder unterschiedlich um: manche klicken die Beiträge weg, andere halten dagegen, wiederum andere würden gerne etwas tun, wissen aber einfach nicht, was der beste Ansatz wäre. Auch die Frage nach dem Selbstschutz steht dabei im Raum: Was passiert denn, wenn ich hier jetzt »Stopp!« sage?

Der Wunsch, in irgendeiner Form selbst konstruktiv einzugreifen, treibt viele um, doch es herrscht eben noch Unsicherheit bei der Frage, wie ein solches Eingreifen aussehen kann. Deshalb wollen wir euch heute ein paar Tipps an die Hand geben, wie ihr mit kleinen, einfachen Schritten selbst etwas gegen Hatespeech im Netz tun könnt. Die Tipps basieren auf unseren praktischen Erfahrungen mit dem Thema und haben uns gute Dienste geleistet.

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Die Straftatbestände des Strafgesetzbuches (StGB) gelten hier genauso wie im »richtigen Leben«. Von ihrer juristischen Wirkung unterscheidet sich eine Beleidigung in einem Internet-Forum, auf Twitter oder Facebook nicht von einer Beleidigung auf der Straße.

.

Wann mache ich was: Gegenrede, Melden und Co.

Hat sich ein neuer Hasskommentar gefunden, steht man vor der Entscheidung: Was mache ich jetzt eigentlich? Es gibt verschiedene Handlungsmöglichkeiten, von denen sich – je nach Fall – die eine oder andere besser eignet: Gegenrede, Melden, andere Beiträge hochvoten, Ignorieren. Aus unserer Erfahrung heraus würden wir folgendes empfehlen:

.

Bei Kommentaren, die potenzielle Straftaten darstellen: Melden.

Solche Beiträge sollte man bei externen Plattformen melden. So wird von juristischem Fachpersonal geprüft, ob sie potenziell strafrechtlich relevant sind, und ggf. Anzeige gestellt. Hierfür haben wir unsere zentrale Meldestelle für Hatespeech, hassmelden.de, eingerichtet. Meldet man die Beiträge nur auf Facebook oder Twitter selbst, so werden sie höchstens gelöscht – oft passiert leider auch einfach gar nichts und der Täter erfährt keine juristischen Konsequenzen.

Über unsere Plattform kannst Du einen Vorfall, zum Beispiel Hasskommentare, rassistische Übergriffe, Beleidigungen oder Drohungen, melden. Meldungen, deren Inhalte vermutlich strafrechtlich relevant sind, werden direkt über die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main angezeigt, dort bearbeitet und gegebenenfalls strafrechtlich verfolgt. So werden Straftäter für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen, und Du bist jederzeit sicher und anonym. Natürlich informieren wir Dich – sofern Du Kontaktdaten angibst – über den weiteren Verfahrensverlauf.

.

Bei Kommentaren, die potenzielle Straftaten darstellen: Melden.

Hast du es mit einem Kommentar zu tun, der zwar Hass ausdrückt oder schürt, aber vermutlich keine Straftat darstellt, kannst du Gegenrede einsetzen. Lass dich hierbei nicht dazu verführen, impulsiv genau so aufgebracht zu antworten, wie dein Gegenüber es tut. Uns alle machen solche Kommentare zuweilen wütend oder fassungslos, es lohnt sich aber, sachlich und respektvoll zu bleiben. Mach’ es dir auch nicht zum Ziel, eine Diskussion “zu gewinnen” – das hängt von zu vielen Faktoren ab, auf die du gar keinen Einfluss hast. Wenn du jemandem eine neue Perspektive aufgezeigt hast oder stille Mitleser gesehen haben, dass eine hasserfüllte Aussage nicht unwidersprochen bleibt, hast du schon einen positiven Beitrag geleistet. Und mit jedem Gespräch lernst du etwas dazu.

Überlege dir, wie du zu dem geäußerten Gedankengut stehst, und dann locke dein Gegenüber aus der Reserve. Mit Fragen kannst du erstmal herausfinden, wo die getätigte Aussage herkommt, was dein Gegenüber eigentlich sagen will und warum er diese Haltung entwickelt hat. Oft plappern Nutzer einfach Dinge nach, die sie irgendwo gehört haben, ohne sich der Schwere der Aussage direkt bewusst zu sein. Auch tragen viele Nutzer einen berechtigen Frust in sich, den sie allerdings auf destruktive Art und Weise äußern. Der Frust ist dabei verständlich und steht ihnen zu – das Verletzen anderer aber nicht. Bleibe also sachlich, respektvoll und freundlich und diskutiere so mit deinem Gegenüber, dass du ihm die Tür offen lässt, seine Aussagen zu reflektieren, ohne sein Gesicht zu verlieren. Ziehe dabei deutlich dort die Grenze, wo diskriminierendes Gedankengut geäußert wird, und biete deine Perspektive als Alternative an. Werde niemals beleidigend und sei dir bewusst, dass du jederzeit aus einem Gespräch aussteigen kannst. Reflektiere die Argumente deines Gegenübers ernsthaft – wir alle haben blinde Flecken und Vorurteile, die wir entdecken und entschärfen können. Auch dein Gegenüber hat Gründe, weshalb er sich gerade so verhält, wie er es tut. Lerne diese kennen und zeige ihm auf, wie er damit umgehen kann, ohne anderen Schaden zuzufügen.

.

Bei Endlosdiskussionen, bei denen immer wieder Hass geäußert wird: Alternativen hochvoten.

Hier ist es sinnvoll, sich der Dynamik der Netzwerke zu bedienen: Auf Facebook werden die Kommentare ganz oben angezeigt, die besonders viele Reaktionen erhalten. Zieht sich ein Gespräch also über viele Antworten und Rückantworten in die Länge, werden es mehr Leuten sehen. Das führt dann dazu, dass ein Hasskommentator nur noch mehr Aufmerksamkeit erhält. Entwickelt sich ein Gespräch also in eine solche Richtung, lohnt es sich, andere, sachlichere Kommentare mit Reaktionen und Antworten zu pushen, damit diese weiter nach oben rutschen. Natürlich kannst du auch selbst solche Kommentare verfassen und dabei eine Alternative zur hasserfüllten Perspektive des anderen Nutzers anbieten.

.

Unterstütze Deine Mitstreiter

Zusätzlich zur eigenen Gegenrede gibt es viele Möglichkeiten, Impulse gegen Hass im Netz zu setzen. Neben eigenen Kommentaren kannst du andere unterstützen, die sich in den Kommentarspalten für ein sachlicheres, freundlicheres Klima einsetzen. Like ihre Beiträge, sprich ihnen deine Unterstützung aus oder hilf ihnen beim Diskutieren, wenn jemand sie angreift. Du kannst auch Organisationen unterstützen, die sich für ein freundlicheres soziales Netz einsetzen.

.

Wissen, wann Schluss ist: Achte auf Dich!

Beim Thema Counterspeech ist es wichtig, auf sich selbst zu achten. Wer idealistisch motiviert ist, kann an der schier endlosen Menge an Hasskommentaren verzweifeln, wenn er sich den Anspruch setzt, alleine die Welt retten zu wollen. Hier unsere Tipps, um beim Counterspeechen einen kühlen Kopf zu behalten:

  1. Pick your battles: Überlege dir, mit wem du in eine Diskussion treten möchtest, und mit wem nicht. Wer augenscheinlich ein gefestigtes, extremistisches Weltbild hat, wird sich weniger als Gesprächspartner auf Augenhöhe erweisen, als jemand, der seinen persönlichen Frust in politischen Allgemeinplätzen weiterplappert. Mit etwas Übung lernst du, frühzeitig zu erkennen, wo ein Gespräch sich lohnt und wo nicht.
  2. Setze dir erreichbare Ziele und erwarte nicht, jede Diskussion zu gewinnen: Allein ein Widerspruch gegen einen Hasskommentar ist schon ein wertvoller Beitrag. Alles, was danach kommt, ist offen.
  3. Lass dich nicht von einer simulierten Mehrheit täuschen: Die scheinbare Masse an Hasskommentaren geht tatsächlich auf eine kleine, laute Minderheit zurück.

.

Gemeinsam kriegen wir das wieder hin, das mit dem Internet. Denn es gehört uns allen.

.

.

FEEDBACK ODER FRAGEN ZU DIESEM ARTIKEL NEHMEN WIR GERNE UNTER REDAKTION@HASSMELDEN.DE ENTGEGEN! 
WEITERHIN SIND WIR ALS EHRENAMTLICHE UND GRÖSSTENTEILS SELBST FINANZIERTE ORGANISATION AUF DIE UNTERSTÜTZUNG UNSERER NUTZERINNEN UND NUTZER ANGEWIESEN, UM UNSERE KOSTEN ZU DECKEN. IM LETZTEN JAHR HABEN WIR KOSTEN FÜR DIESE PLATTFORM IN HÖHE EINES VIERSTELLIGEN EUROBETRAGES SELBST GETRAGEN. UNTERSTÜTZE UNS MIT EINEM GELDGESCHENK UNTER HTTPS://HASS.REPORT/SPENDEN.
WIR MACHEN AUSSERDEM DARAUF AUFMERKSAM, DASS UNSER WEB-ANGEBOT LEDIGLICH DEM UNVERBINDLICHEN INFORMATIONSZWECK DIENT UND KEINE RECHTSBERATUNG IM EIGENTLICHEN SINNE DARSTELLT. DER INHALT DIESES ANGEBOTS KANN UND SOLL EINE INDIVIDUELLE UND VERBINDLICHE RECHTSBERATUNG NICHT ERSETZEN. INSOFERN VERSTEHEN SICH ALLE ANGEBOTENEN INFORMATIONEN OHNE GEWÄHR AUF RICHTIGKEIT UND VOLLSTÄNDIGKEIT.

.

.

Leonhardt Träumer, Redaktion Hassmelden
Skip to content